Erlebnis Opernbühne
Das Erlebnis der Kinder beginnt mit dem Vorsingen. Eine spannende, harte Erfahrung. Allein auf weiter, leerer Bühne, in einigem Abstand vom Korrepetitor am Klavier, vor hunderten leerer Sessel und einigen wohlwollend-kritischen Juroren.
Ist diese Hürde genommen, stehen für die ausgewählten Knabensolisten und deren Eltern einschneidende Entscheidungen an. Proben- und Aufführungsdaten sind mit Schul- und anderen Auftrittsterminen zu koordinieren. Oft sind längere Schulabsenzen, teilweise mit Privatunterricht, unerlässlich. Die Erfahrung zeigt, dass Schulbehörden und Lehrpersonen die den Kindern gebotene Erlebnisse bei Opernprojekten sehr hoch einschätzen. Fast nie ergaben sich von dieser Seite Schwierigkeiten mit Beurlaubungen. Jedoch wird Schulabsenz so weit wie möglich vermieden. Denn die Kinder selbst möchten in ihrer Klasse keine Sonderrolle. Sie wissen, dass der Prestigewert des Singens bei ihren Kameraden eher bescheiden ist und die hervorragende Leistung in ihrem Hobby nicht nur bewundert, sondern gelegntlich auch belächelt wird.
Sind sie dann aber einmal in den Opernbetrieb integriert, so erfahren sie eine fast rührende Zuwendung aller Beteiligten. Schnell werden sie zu den Maskottchen der Equipe, verwöhnt und umsorgt, auf Du mit grossen Künstlern, mit Autogrammen berühmter Dirigenten und Regisseure im Kantoreipass. Anerkennung und Applaus öffnen ihnen die Welt der Künste, in der nicht nur das neueste Computerspiel zu reden gibt und ein Tor beim Fussball Beifall erntet.
Opernbühnen bieten wohl menschlich und künstlerisch das eindrucksvollste Erlebnis, das Kindern zu vermitteln ist. Hier lernen sie, dass sich Einsatz lohnt, dass Ernten Säen voraussetzt; dass aber auch Ungeahntes plötzlich möglich wird. Ganz nach dem japanischen Meister Hokusai, wonach der Wurm zur Libelle wird, wenn man ihm Flügel wachsen lässt.
[aus einem Artikel von Dr. Franz Kaufmann]
